»Für immer Punk möchte ich sein…« Oder wozu braucht es heute noch linke Zentren?

Linke Zentren verstehen sich als Freiräume für selbstbestimmte und alternative Lebensformen – egal, ob es sich dabei um Hausprojekte, Infoläden, Cafés oder Veranstaltungsräume handelt. Im Selbstverständnis ihrer Organisatorinnen und Besucher stellen diese Zentren Orte politischer Gegenöffentlichkeit dar, stehen für Angebote nichtkommerzieller Kultur und kritische politische Diskussionen. Zudem erheben linke Zentren oftmals den Anspruch, sich zumindest partiell der kapitalistischen Verwertungslogik zu entziehen. Ansatzweise soll ein anderes soziales Miteinander verwirklicht werden – ohne Hierarchien, ohne die üblichen Geschlechter- und Rollenzuschreibungen, ohne rassistische Ressentiments und im Rahmen eines breiten antifaschistischen Grundkonsenses. Die Abgrenzung von den herrschenden Zuständen, sowohl auf politischer als auch auf kultureller Ebene, bildet einen Grundsatz linker Freiraumpolitik.

Politik und Anderssein

Seit der »Jugendzentrumsbewegung« in den 1970er Jahren und der sich daran in den 1980er Jahren anschließenden Hochzeit der autonomen Szene bildet der Kampf um politische und soziale Freiräume ein Kontinuitätselement linker Praxis. Was genau das »Links sein« bedeutete, änderte sich zeitabhängig und war stets umstritten. Die Jugendzentren galten zunächst als anti-institutionelle Selbstsozialisationsinstanz. Selbstorganisierung (in Abgrenzung zur Mitgliedschaft in bürgerlichen Parteien und Massenorganisationen) und Selbstbestimmung (in Abgrenzung zur Arbeits- und Konsumorientierung) waren politische Schlüsselbegriffe des linken Selbstverständnisses.

Für die an dieses Verständnis andockende Autonomen-Szene waren »Juzis« und besetzte Häuser wegweisende Praxisformen linksradikaler Kämpfe. Eine solche Strategie reagierte auch auf die Erfahrung mangelnder revolutionärer Perspektiven der Arbeiterbewegungslinken und war von den subjektiven Möglichkeiten im Wohlstandskapitalismus geprägt: Die ökonomische Prosperität der Nachkriegsepoche hatte nicht nur die weitgehende Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse zur Folge, sondern sorgte auch dafür, dass die Masse der Produzentinnen und Produzenten über Konsum in die Gesellschaft integriert wurde. Darüber hinaus entwickelte sich im westdeutschen Schaufensterkapitalismus ein Sozialsystem, das eine im Vergleich zu heute leichtere Existenzsicherung ohne Lohnarbeit ermöglichte. In der Konsequenz konnte das Leben im autonomen »Ghetto«, im »Viertel«, im »AJZ« zur ganztägigen Basis thematischer Kämpfe gegen Immobilienspekulation und unsoziale Wohnungspolitik, Atomkraftwerke, Bankenkapitalismus und Yuppies, gegen amerikanischen Imperialismus und für die »Zärtlichkeit der Völker« werden. Die Praxis in den Autonomen Zentren galt darüber hinaus als gelebter Widerstand gegen das System. Inwiefern diese Kämpfe tatsächlichen sozialen Widersprüchen oder ideologischen Verblendungen entsprangen, lässt sich nur vor dem Hintergrund des historischen Kontext entschlüsseln; doch zweifelsohne teilten die Protagonisten ein rebellisches Selbstverständnis.

Kulturell verband sich diese Einstellung vielfach mit musikalischen Vorlieben, Kleidungsstilen und Verhaltensnormen zu einem sichtbaren Habitus des Andersseins. Punk war dabei ein positiver Bezugspunkt. Er war kulturell lange Zeit der Inbegriff für Provokation und Nonkonformismus: Iros und Nietenjacken, schnoddriger Gitarrenrock und bizarre New Wave-Klänge ließen die Generation der Väter und Mütter die Nase rümpfen. Als Schocktherapie gegen die bürgerliche Gesellschaft schaffte es der No-Future-Gedanke eine Zeitlang der kommerziellen Vereinnahmung standzuhalten. Vielleicht gerade deshalb, weil es nicht vordergründig um Politik ging, sondern um eine bisweilen spielerische Infragestellung der damals vorherrschenden Werte: Arbeitsfetisch, Konsumdenken, Autoritätsverständnis, Ordnung und Sauberkeit. Punk richtete sich dabei sowohl gegen bürgerlich-liberale als auch konservative Varianten des Establishments. Auf der Grundlage von fordistischer Fließbandproduktion, hoher Beschäftigungsrate und Massenkonsum erwies sich dieses allerdings als ziemlich stabil. Der Nihilismus des Punks wandte sich aber nicht nur gegen die Normierungen in Schule und Fabrik, sondern auch gegen linke Weltverbesserung. In linken deutschen Jugendzentren wurde daraufhin der agitatorische Deutschpunk und aktivistischer Hardcore zu den zwischenzeitlich beliebtesten Sparten. Gleich blieb derweil das unbedingte Begehren, sicht- und hörbar anders zu sein.

»Deutschland halt’s Maul!«

Das Bedürfnis nach Abgrenzung vom Herrschenden mag unter den Bedingungen des Antikommunismus im Kalten Krieg mit dazu beigetragen haben, dass gerade Autonome Zentren Orte waren, an denen die antizionistische Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen oder die Lebenslüge eines revolutionären Zustands besonders gut gedeihen konnten. Mit den Ereignissen von 1989 bekam die Freiraum-Politik ein neues strategisches Moment aufgezwungen. Angesichts der globalen Niederlage des Sozialismus, die mit einer weitreichenden Diskreditierung linker Gesellschaftskritik einherging, wurden diese Orte zu Schlupflöchern linker Debatten. Darüber hinaus waren sie insbesondere im Osten Kristallisationspunkte des antifaschistischen Widerstands. Nie war das linke Selbstverständnis des »Andersseins« wahrer als in den ostdeutschen Autonomen Zentren der 1990er Jahre, die sich nicht nur gegen die Attacken von Neonazis erwehren mussten, sondern sich vom rechten Konsens in weiten Bevölkerungskreisen tatsächlich abhoben. Diese aufgezwungene Frontstellung gegen pogromartigen Rassismus und völkischen Nationalismus führte in Läden wie dem Leipziger Conne Island, im AJZ Chemnitz, in Dessau, Döbeln und Dresden zu einer Abwendung von der autonomen Selbstbezüglichkeit hin zu Bündnispolitik. Parteien, Gewerkschaften, selbst engagierte Bürgermeister der CDU wurden jetzt Partner im Kampf gegen Neonazis. Der von Autonomen teilweise noch verzweifelt aufrechterhaltene Gestus antibürgerlicher Abgrenzung verlor darüber an Relevanz und Wirklichkeitsbezug. Und ebenso veränderten sich die subkulturellen Vorlieben. Angesichts der völkischen Offensive bildeten zwar Deutschpunk und Hardcore nach wie vor den Soundtrack zur antifaschistischen Militanz, doch daneben entfaltete sich mit Hip-Hop, BritPop, Techno, Reggae, Ska und Oi!-Punk eine Stilvielfalt in den nun eher als »Alternative Zentren« bezeichneten Läden, die weit über die kulturellen Angebote der Nazis hinauswies. Gerade angesichts der noch nachwirkenden Enge des »sozialistischen Realismus« in der DDR mit ihren Restriktionen auch gegenüber westlichem Pop entpuppte sich diese kulturelle Attraktivität als eine wirksame, für eine geraume Zeit tatsächlich subversive Strategie gegen Neonazismus im Osten.

Natürlich war das Abflauen der Rechtsentwicklung ab Ende der 1990er Jahre nicht allein und nicht in erster Linie das Ergebnis popkultureller Strategien und autonomer Antifa-Politik. Dass die Prognose eines Vierten Reichs sich nicht erfüllte (wenn sie denn überhaupt je gestimmt hatte), lag wohl vor allem daran, dass eine solche Entwicklung nicht im Interesse der bürgerlichen Eliten war. Schließlich mobilisierten Medien und Politik mit Lichterketten und anderen Kampagnen gegen einen ungebremsten Rassismus, der durch die Verschärfung des Asylrechts gleichsam beruhigt wurde. Außerdem breitete sich die westliche Konsum- und Kulturindustrie in den neuen Bundesländern aus und integrierte die ostdeutsche Bevölkerung. Als im Jahr 2000 durch die rot-grüne Regierung der »Aufstand der Anständigen« ausgerufen wurde, stand die Antifa und mit ihr die Alternativen Zentren auf der Seite der zivilgesellschaftlichen Sieger gegen den auf Alltagshandeln, latente Einstellungen, einige »national befreite Zonen« in der Provinz und Splitterparteien zurückgedrängten Neonazismus. Als politisches Projekt mit Chancen zur Machtergreifung hatte er vorerst verloren. Allerdings waren damit der Antifa-Linken neben politischer Relevanz auch Momente einer klaren kulturpolitischen Abgrenzung abhandengekommen.

Die 1990er Jahre waren auch die Zeit der Poplinken. Sie verband die angelsächsischen Cultural Studies und deren Kritik der von race, class and gender mit den konsum- und kulturindustriekritischen Debatten der autonomen Linken in Deutschland. »Von der Unmöglichkeit Politik zu machen, ohne Kultur zu betreiben«, lautete das Diktum von Zeitschriften wie Spex und Die Beute. Die Linke sollte ihre kulturpolitischen Aktivitäten viel bewusster gestalten und zum Gegenstand ihrer Debatten machen, so eine damalige Grundforderung. In diesem Zusammenhang wurden die Vorstellungen subkultureller Widerstandspotenziale in einer Weise erweitert, die sich auch als Ersatz für das Verschwinden der kommunistischen Utopie nach dem unmittelbaren Ende des Realsozialismus verstehen ließ, und die wohl selbst wiederum ein zeitspezifisches Missverständnis tatsächlicher Möglichkeiten darstellte. Verweise, etwa auf die Wurzeln von Drum ’n’ Bass in der britisch-migrantischen Arbeiterklasse, waren Ausdruck der Hoffnung, dass die Revolution auf dem Dancefloor stattfinden würde. Zum damaligen Zeitpunkt wurde Popkultur zwar nicht mehr als per se rebellisch, jedoch immer noch ziemlich optimistisch als umkämpftes Feld begriffen, auf dem Subversion und linke Politik möglich waren.

»Mainstream der Minderheiten«

Doch trübten sich die Hoffnungen auf das Subversionsmodell Pop schnell ein. Im Osten wirkte zwar die kulturelle Opposition als Speerspitze nachholender Modernisierung, ansonsten erwies sich der Anspruch auf Abgrenzung vom System als Selbstbetrug. Gesellschaftliche Vorstellungen davon, was familiär, sexuell, modisch und berufsbiographisch »normal« ist, hatten sich erweitert. Schwule Popinterpreten, androgyne Gruftis, laute Rocker oder bunte Punks stießen nicht mehr an Grenzen der Konvention, sondern wurden zunehmend als Ausdruck moderner, trendiger und nachahmenswerter Lebensweisen begrüßt. Eine durchaus fortschrittliche Entwicklung, bedenkt man, dass weite Teile der Kulturindustrie dazu beitrugen, Lebensstile in den westlichen Demokratien zu pluralisieren. Doch damit transzendierten subkulturelle Auflehnungsgesten nicht mehr die herrschende Kultur, sondern waren zu ihrem Produkt geworden. Der Mainstream, so ein Deutungsversuch von Mark Terkessidis und Tom Holert aus dem Jahr 1996, präsentiere sich im Vergleich zu früher »minderheitlich«. Pop, Punk, Hardcore oder Hip-Hop seien zwar nach wie vor mit einem nicht-konformen Habitus verbunden, dieser verstoße aber nicht mehr gegen etablierte Regeln. Stattdessen sei Rebellion nur noch Element des Gebrauchswerts subkultureller Medienprodukte, den die Käuferinnen und Käufer bei der Herausbildung eines individuellen Verbraucherprofils nutzen könnten. Trotz ihrer inszenierten Abgrenzung (von »denen da oben«, von Spießbürgern, von Hochkultur, von anderen Musikstilen), gelte auch für die Konsumrebellen: So wie sie zielgruppenorientiert von der Industrie angesprochen werden, schöpfen sie ihr Selbstverständnis aus warenförmigem Markenbewusstsein. Umgekehrt ziehen das kreative Potenzial und die Bereitschaft zur Selbstausbeutung als produktivitätssteigernde Faktoren in die Unterhaltungsindustrie ein. Das Do-it-yourself-Milieu war aus dieser Perspektive Vorreiter flexibler Tätigkeitsprofile in den Kreativjobs der Computer- und Kommunikationsindustrie. In Anlehnung an Gilles Deleuze diagnostizierten die Autoren Terkessidis und Holert allgemein einen Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft. War das Proletariat früher durch Zwang und quasi körperlich mit dem Arbeitsprozess verbunden, während die Seele dabei ausgeschaltet sein konnte, war es nun vor allem die Identifikation mit dem Job, das Bewusstsein, sich durch kreative Arbeit selbst zu verwirklichen, das die Arbeitenden in das moderne Produktionssystem einschloss.

Heute präsentieren sich rebellische Inszenierungen von Subkulturen häufig ironisch gebrochen und im Bewusstsein ihrer Marktform. Ihre Momente symbolischer Differenz verlieren damit an Stringenz, stattdessen werden wechselnde Bezüge möglich: Der tätowierte HC-Fan schämt sich weder für den Bank-Job noch für den Opernbesuch; ganz im Gegenteil, was für ein Reiz und Ausweis von Individualität, wenn das Tribal unterm Hemdärmel hervor lugt. Selbst der gute alte Oi!-Skin ist in der Regel nicht mehr Bauarbeiter und abends ein bad boy, sondern Krankenpfleger oder Sozialarbeiter und schämt sich nicht für seine Soft Skills. Gerade deshalb wäre es falsch, irgendeiner Sparte ihren »Ausverkauf« oder fehlende »Authentizität« vorzuwerfen. Ihr Mangel ermöglicht auch die Befreiung von einschränkenden Riten und Verhaltensnormen. Die Schattenseite dieser Flexibilität ist die Tendenz zur Selbstoptimierung und Auflösung der Grenzen zwischen Beruflichem und Privaten im Rahmen einer ganzheitlichen Produktivierung. Lifestyle und soziokulturelle Erfahrungen werden in der modernen Leistungsgesellschaft zu Kompetenzen. Zum einen dort, wo sich Wertschöpfung in den Bereich der Kulturproduktion selbst verschoben hat; in Werbeagenturen und Modelabels, bei Konzertveranstaltern und in den Massenmedien. Zum anderen dort, wo es um die Aktivierung der Ressource „Spaß“ geht; Arbeiten mit Musik, ganz modern und scheinunabhängig mit Laptop im Szenecafé, oder in der Firma, aber mit toller Band und DJ zum Jubiläumsfest. Die Reproduktion der Arbeitskraft beschränkt sich nicht mehr auf den Freizeitbereich – die Party, auf die man sich die ganze Woche freut –, sondern dringt in den Arbeitsprozess selbst vor. Eine Folge ist, dass unterschiedliche sozioökonomische Positionen, etwa zwischen Firmenbesitzer und Angestellten, nicht zu widersprüchlichen Interessen werden, sondern sich im wahrsten Sinne des Wortes in Wohlgefallen auflösen.

Linke Zentren wie das Conne Island haben bewusst versucht, die Integration des subversiven Scheins in marktförmige Mechanismen infrage zu stellen. Distinktionsgewinnler, die nur den Kampf um die richtige Platte oder die Akademisierung von Dissidenz betrieben, hatten es hier zumindest zeitweise schwer. Ebenso Leute, die zu viel politische Hoffnung in die Widerständigkeit von Oi!- und Streetpunk, NY-Hardcore, französischen Hip-Hop, Minimal aus Köln oder Dubstep aus Bristol setzten. Andererseits wurde an der Position festgehalten, dass auf dem Feld der Kultur noch Kritik und Widerstand ausgedrückt werden könne. Auf Festivals, Konzerten oder im Club entscheide sich im Konkreten, beispielsweise in der Angemessenheit von Flirtverhalten und der Abwesenheit sexistischer Anmache, wie soziales Miteinander hergestellt wird und ob dieses fortschrittlich ist oder nicht. Deshalb schienen Kämpfe auf dem Feld der Kultur nach wie vor wichtig. Wenn das »Politische das Kulturelle« bestimme, so die Hoffnung, könne sich die kulturelle Ästhetik nicht verselbständigen.

Liberalisierung

Es gehört nach wie vor zu den Standards vieler links-alternativer Zentren, dass Bands mit sexistischen oder rassistischen Texten dort nicht auftreten dürfen, Anti-Nazi-Aktivitäten unterstützt oder Proberäume speziell für Frauen geschaffen werden. Der dahinter stehende Antidiskriminierungsgedanke ist heute Einstellungsmerkmal der herrschenden Eliten und darüber hinaus in der Mehrheitsgesellschaft angekommen. Das Bündnis gegen PEGIDA reicht von der Antifa über die Bild-Zeitung bis zur Bundeskanzlerin. Viele gesellschaftliche Bereiche wie Schule, Universität, transnational agierende Unternehmen, Politik, Sportverbände bis hin zur freiwilligen Feuerwehr werden heute gezielt für diskriminierungsrelevante Praxen sensibilisiert. Die Interessenverbände der Industrie trommeln unaufhörlich für mehr Einwanderung, da die demographische Entwicklung mit Arbeitskräftemangel einhergeht. Das Institut für Demoskopie vermeldete in diesem Sommer eine mehrheitliche Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe und nach aktuellen Umfragen der Bertelsmann-Stiftung oder dem ARD-Deutschland-Trend werden Flüchtlinge von der Bevölkerungsmehrheit überwiegend freundlich empfangen. Sicher spricht einiges dafür, dass damit eher die von den wirtschaftlichen und politischen Eliten gewünschten Einstellungsmuster abgefragt werden als die tatsächliche Meinungsverteilung in der Bevölkerung. Die Serie von Anschlägen auf Flüchtlingsheime in ländlichen Gemeinden und ostdeutschen Städten, die rassistischen Aufmärsche in Heidenau und Freital sowie Äußerungen einzelner AfD-, CDU- und CSU-Politiker zeigen das Potential völkischer Vorstellungen nationaler Zugehörigkeit. Doch die im gegenwärtigen Diskurs dominanten Forderungen sind die einstmals nur von antirassistischen Aktivisten und linken Akademikerinnen in den Mund genommene „Willkommenskultur“ und „Einwanderungsgesellschaft“; sie lauten nicht, wie noch vor 20 Jahren „Arbeit zuerst für Deutsche“ oder das „Boot ist voll“. Zwar sind es in der ostdeutschen Provinz oft engagierte Linke, die sich gegenüber Flüchtlingen hilfsbereit und solidarisch verhalten, doch sie tun es mit der Autorität der Regierung und der Bild-Zeitung in ihrem Rücken. Und selbst in einem sächsischen Kaff wie Heidenau finden sich hilfsbereite Gutmenschen, die trotz paternalistischer und lokalpatriotischer Motive auch Ausdruck davon geben, dass bei ihnen die Nazi-Propaganda, nur Blutsdeutsche sind nationaler Solidarität würdig, offenkundig nicht verfängt. Auch durch sie zeichnet sich die Tendenz einer Zivilisierung ab, die in linken Zentren lange Jahre nur als Wunschvorstellung und Teil des politisch-pädagogischen Auftrags behandelt wurde.

Hinsichtlich der kapitalistischen Funktionsweise zeigt sich die gesellschaftliche Einbindung alternativer Zentren ohnehin schon lange. Das Konzert- und Veranstaltungsbusiness funktioniert auch in einem linken Projekt nach den Prinzipien von Angebot und Nachfrage. Ökonomisches Missmanagement und deviante Interessen bezahlt die Öffentliche Hand über Fördergelder. Kleine und neue Projekte gleichen verschlossene Fördertöpfe und ökonomische Ineffizienz mit Selbstausbeutung aus; mit zunehmender Lebensdauer setzt sich die Tendenz zur Professionalisierung und Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln durch. Die wachsende Anzahl der Anbieter alternativer Kultur verschärft den Wettbewerb ums Publikum und Subventionen. In Leipzigs alternativen Kulturzentren steigt seit Jahren der Druck, kommerziell erfolgreiche Events zu kreieren. Mit Innovation und kultureller Alleinstellung ist dies nur schwer zu vereinbaren. Als Marketing bietet sich die Authentizität des besonderen Orts an. Selbst ein gesellschaftskritisches Veranstaltungsprogramm kann unabhängig von der dahinter stehenden Intention zu einem Standortvorteil werden. Der wirtschaftlich systemkonformen Existenzweise entkommt ein alternativer Kulturladen nur bei Strafe des Untergangs.

Debatte statt Romantisierung

Linke Zentren wirken heute angepasst und arriviert, zumindest dort, wo es sie gibt. Im No-Legida-Willkommenskultur-Deutschland und im 1000-Jahre-Party-Leipzig bilden sie keinen Kontrapunkt. Als Publikumsmagnet für engagierte Bildungsgewinner, wirken linke Zentren nicht als Widerpart, sondern als Baustein einer staatlich formierten Zivilgesellschaft, die Imperative der herrschenden Wirtschaftsordnung durchsetzt. Das deutsche Exportwunder baut auf Weltoffenheit, Toleranz und individueller Leistungsbereitschaft gefördert durch kulturelle Modernität. Doch selbst, wenn in den linken Zentren die ökonomischen Zwänge und ideologischen Integrationspotenziale erkannt werden, und zudem überhaupt der kollektive Wille besteht, sich damit strategisch auseinanderzusetzen, bietet das noch keinen Ausweg. Um Missverständnissen vorzubeugen, in einer Rückbesinnung auf eine bessere Vergangenheit wird dieser nicht zu finden sein. Auch wenn es naheliegend ist, dass Mythen vom linken Viertel oder traditionsgeladene Radikalitätsgesten den Eindruck erwecken mit ihnen ließe sich dem Konformitätsdruck entgehen.

Aber ebenso wenig ist es eine Lösung, die herrschenden Zustände zu verklären. Die Zurichtung der menschlichen Subjekte auf Leistungsbereitschaft und Konkurrenz bei gleichzeitiger Marginalisierung von Gesellschaftskritik durch konstruktives Denken und zivilgesellschaftliches Engagement bieten genügend Anlass für Opposition.

Um jenseits von vergangenheits- oder gegenwartsbezogenen Romantisierungen die Relevanz linker Zentren zu bestimmen, lädt der Rote Salon zum Podiumsgespräch mit Uli Krug, Redakteur der Zeitschrift Bahamas, Tanja Russack, Geschäftsführerin des Conne Island in Leipzig und Roger Behrens, Mitherausgeber des Buchmagazins Testcard. Während Uli Krug seit Jahren zu den Kennern und schärfsten Selbstkritikern des deutschen Linksradikalismus gehört, kennt Tanja Russack die Frage nach den Wirkungsmöglichkeiten und Zwängen linker Zentren aus der Binnenperspektive. Roger Behrens ist insbesondere für seine kritischen Beiträge zur Popkultur bekannt geworden. Der Rote Salon möchte mit seinen Gästen zu einer Diskussion anregen, die über eingespielte Denkgewohnheiten hinausreicht und die Praxis linker Zentren im Lichte einer zeitgemäßen Gesellschaftsanalyse bewertet. Vor diesem Hintergrund stehen die Antworten auf die Fragen, ob und für was es heute noch linke Zentren braucht, zur Debatte.

Roter Salon im Conne Island, Juli 2015