Eine Besichtigung des Grauens

Thomas Ebermann und Thorsten Mense treiben in ihrer Wohlfühlrevue dem Heimatbegriff alle Ambivalenzen aus. Und das Buch Linke Heimatliebe macht es auch nicht besser.

Die sich als progressiv verstehende Heimatkritik behauptet in schöner Regelmäßigkeit: »Links ist da, wo keine Heimat ist«. Diverse Antifa-Demonstrationen mobilisierten unter diesem Motto (etwa Göttingen 2003, Leipzig 2004, Haltern am See 2008), 1994 hielt eine mittlerweile undenkbare Koalition aus Bahamas, junge Welt und konkret unter dieser Überschrift eine »Theoretische Konferenz über Nation, Nationalismus und Antinationalismus« ab und schon 1992 beendete Jürgen Elsässer das Fazit seines damals wegweisendes Buches Antisemitismus – das alte Gesicht des neuen Deutschland mit jener Formel.

Als Urheber des Slogans gilt bisweilen der österreichische Autor Jean Améry. Das zumindest behaupten unter anderem Jutta Ditfurth,[1] der Arbeitskreis gegen Antisemitismus und Antizionismus Mannheim e. V.,[2] die Zeitschrift »für eine kritische Betrachtung der Welt« Unter Palmen[3] und Roger Behrens.[4] Auch die beiden Politentertainer Thomas Ebermann und Thorsten Mense, die seit Monaten erfolgreich mit ihrem »Anti-Heimatabend« linke Klubs und Jugendzentren bereisen, berufen sich selbstbewusst auf Améry. Nicht nur in ihrer Zitat-, Bild- und Videoausschnitt-Revue greifen sie dessen angeblichen Ausspruch auf. Auch im Vorwort zu Ebermanns Buch Linke Heimatliebe führt Thorsten Mense den »bekannten Satz von Jean Améry«[5] an.

Allerdings: Der Zitierte hat den »bekannten« Satz nie gesagt oder geschrieben. Damit er die gewünschte Funktion der Delegitimierung der Heimatidee erfüllen kann, müssen die Zitierenden sich ihren Améry zurechtfälschen. Niemals hat er nämlich behauptet, dass »Links« genau da sei, wo keine Heimat ist, sich also die Linke keinesfalls positiv auf den Ort oder das Konzept Heimat beziehen könne. Tatsächlich nutzte er im Inhaltsverzeichnis seiner erstmals 1971 veröffentlichten Essaysammlung Widersprüche die Zwischenüberschrift »Links, wo keine Heimat ist«. Roger Behrens weiß das auch, es hindert ihn allerdings nicht daran, in seinem Artikel in der Jungle World (43/2017) sowohl den Kontext der Sentenz gänzlich fehlzudeuten als auch die oben erwähnte Formel »Links ist da, …« hinzuzuerfinden.

Améry, der an anderer Stelle festhielt, dass er sich »politisch noch immer und einschränkungslos als einen Mann der Linken verstehe«,[6] setzte sich in Widersprüche an keinem Punkt mit der Frage auseinander, ob es sich für Linke gezieme, ob positiv oder negativ, den Heimatbegriff zu benutzen. »Links, wo keine Heimat ist« leitete vielmehr eine Selbstreflexion ein, die sich angesichts bestimmter Entwicklungen der Linken in den 1960er Jahren aufdrängte und es ihm verunmöglichte, sich künftig (und in auffälligem Gegensatz zu seiner oben zitierten Aussage) in der Linken heimisch zu fühlen. Die Gründe dafür waren etwa linke Thesen zum Ende der Ideologien,[7] der ungebrochene Glaube an die Weltrevolution von Denkern wie Franz Fanon bzw. seinen Anhängern, insbesondere angesichts neuer Diktaturen in den »befreiten« Trikontländern,[8] die Verurteilung der Vorgänge des Prager Frühlings als »rechts«[9] oder auch – vor allem bezogen auf Deutschland –, dass zunehmend deutscher »Idealismus, deutscher Irrationalismus, deutsche Romantik […] in den geistigen Raum der Linken«[10] eingedrungen seien. In diesem Sinne spricht Améry auch in einem Essay über Regionalismus, auf den Ebermann in Linke Heimatliebe verweist, von der »heimatlosen Linken«.[11] Er kümmerte sich in diesem Zusammenhang aber nicht um ein ortsgebundenes oder anderweitig definiertes Heimatkonzept.

Anderswo tat er das sehr wohl, jedoch in einer Weise, die es allen oben Genannten recht schwer machen dürfte, sich auf Améry zu berufen. In dem Band Jenseits von Schuld und Sühne, der seine Überlegungen zum Nationalsozialismus, zur durchlittenen Folter in einem SS-Kerker und zur Erfahrung der Konzentrationslagerhaft enthält, stellt er die Frage: »Wieviel Heimat braucht der Mensch?« Zwar ergeben sich seine Definitionen hier zunächst angesichts der Flucht aus Österreich nach dem sogenannten Anschluss 1938: Der Mensch benötige nämlich »um so mehr [Heimat], je weniger er davon mit sich tragen kann«. Grundsätzlich heißt es aber: »Heimat ist, reduziert auf den positivpsychologischen Grundgehalt des Begriffs, Sicherheit.« Und – was den Heimatkritiker/inne/n am schwersten zu knabbern geben dürfte –: »Wer kein Vaterland hat, will sagen: kein Obdach in einem selbständigen, eine unabhängige staatliche Einheit darstellenden Sozialkörper, der hat, so glaube ich, auch keine Heimat.«[12]

Das heißt aber umgekehrt: Die Zugehörigkeit zu einem souveränen Gemeinwesen birgt zumindest das Potenzial, jenen Wunsch nach Sicherheit zu erfüllen, der laut Améry im Begriff der Heimat steckt; nicht zuletzt deshalb warnte er im Regionalismus-Essay vor dem »Zerfall der großen nationalen Entitäten«.[13] Ganz ähnlich argumentierte Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955). Sie hatte 1933 nach Frankreich fliehen müssen und emigrierte 1941 – nachdem ihr vier Jahre zuvor die deutsche Staatsbürgershaft entzogen worden war – in die Vereinigten Staaten. Das Phänomen der Staatenlosigkeit in der Zwischenkriegszeit zeige, dass ohne Staatsbürgerschaft und die an diese geknüpften einklagbaren Rechte, auch die abstrakten Menschenrechte keinen Schutz bieten könnten. Arendt schrieb: »Der erste Verlust, den die Rechtlosen erlitten, war der Verlust der Heimat. Die Heimat verlieren, in die man hineingeboren ist und innerhalb deren man sich einen Platz in der Welt geschaffen hat, der einem sowohl Stand wie Raum gibt.«[14]

Das legt in gewisser Weise die Frage nahe, was eine Heimatkritik zu leisten vermag, die mit Heimatverlust (noch) nie konfrontiert war. Thomas Ebermann argumentiert, man solle sein Urteil besser nicht »von einer marginalen Ausnahme abhängig« machen. Heimatdichter bzw. ihr Werk seien etwa per se abzulehnen, mag es auch einen gegeben haben, »den die Nazis nicht mochten (vielleicht ein heimattümelnder Jude?)«.[15] Zwar ließ sich Ebermann einerseits das gefälschte Améry-Zitat von Thorsten Mense ins Vorwort seines Buches schreiben, andererseits konstatiert er zähneknirschend, dass die thematisch einschlägigen Überlegungen Amérys zum Heimatbegriff »in dieser Arbeit unberücksichtigt bleiben, weil ich über diese noch einige Zeit brüten möchte«.[16] Es ist eben nicht leicht, das von Widersprüchen durchzogene Denken Amérys aufs Revueformat herunterzubrechen. Uns jedenfalls hat so viel aufrichtige Unaufrichtigkeit dazu angeregt, genauer auf die im Buch (und in der Revue) vorgebrachten Abgesänge auf das Heimatkonzept zu schauen. Denn wo Mense und Ebermann klare Kante zeigen wollen, verstecken sich mitunter Ambivalenzen, über die sie im Gleichschritt hinwegpoltern.

Heimat sells

Wiederkehrendes Moment dieses Gleichschritts ist der mal direkte, mal implizite Hinweis, dass wer »Heimat« sage, die Volksgemeinschaft wolle. »Heimat ist im Kern eine völkische Idee«, heißt es da analytisch, oder: Wer sich auf Heimat beziehe, suche »auf allen Gebieten nach ganz weit rechts Anschluss«.[17] Aber auch im eingesetzten Vokabular, in munter wiederholten Begriffen wie »Blut- und Boden«, »Landser-Roman«, »völkisches Denken«, »reaktionäre Bedürfnisse« etc. ist der Hinweis auf die drohende Volksgemeinschaft derart allgegenwärtig, dass man sich verschämt fragt, ob man das Wort »Heimat« womöglich selbst schon einmal in den Mund genommen hat.

Nun soll gar nicht bestritten werden, dass Heimat zumeist, wie es im Buch heißt, »ein Diskurs der Rechten ist«.[18] Allein droht die ständige Folie der »Volksgemeinschaft«, sprich: des Nationalsozialismus, die vor allem Ebermann aufruft, mögliche Bedeutungsnuancen, die dem Heimatbegriff eigen sind ebenso wie gegenwärtige Bedeutungsverschiebungen zu nivellieren, und sie letztlich nur inadäquat zu erfassen. Dies betrifft etwa den popkulturellen Aspekt gegenwärtiger Konjunkturen von »Heimat«, wie am Boom von Trachtenmode gezeigt werden kann. Mense beispielsweise erkennt in den seit Jahren »rasant« ansteigenden Verkaufszahlen von Trachtenmode ein »weit verbreitetes reaktionäres Bedürfnis nach natürlicher Zugehörigkeit, Authentizität und Ursprünglichkeit«; und auch Ebermann bemerkt einen »Zusammenhang von Trachtenboom und Verrohung«.[19]

Schaut man sich genauer an, wer aus welchen Gründen Trachtenmode trägt, sind Zweifel angebracht. Da ist zunächst der Fakt, dass Trachtenmode nicht mit Tracht zu verwechseln ist. Tracht ist in der Tat die heimattümelnde, auf eine Region beschränkte traditionell-bäuerliche Kleidung, die, weil aus handgefertigten Stoffen maßgeschneidert, in der Herstellung derart aufwendig ist, dass für ihren Erwerb mehrere Hundert Euro auszugeben sind. Sie ist ein vorwiegend ländliches Phänomen, wo sie zu festlichen Anlässen wie Hochzeiten, Taufen etc. getragen wird. Ihr Erbe pflegen einschlägige, im »Deutschen Trachtenverband« zusammengeschlossene Heimat- und Trachtenvereine, deren Gesamtmitgliederzahl seit Jahren konstant bei etwa einer Million liegt. Während der konstatierte Trachtenboom hier also – im Gegensatz zur verbreiteten Hysterie – keine nennenswerten Neuzugänge zu generieren scheint, habe man stattdessen, wie der Vorsitzende des Verbands Knut Kreuch (SPD) zu Protokoll gibt, »einen Trend zu verzeichnen, dass immer weniger Mitglieder bereit sind, führende Verantwortung zu übernehmen«.[20]

Trachtenmode hingegen ist ein Produkt der Bekleidungsindustrie, das in der Tat seit mehr als einem Jahrzehnt steigende Verkaufszahlen aufweist. So zählen Dirndl und Lederhose, einstmals selbst auf dem Münchener Oktoberfest undenkbar und belächelt, mittlerweile zur »Uniform« vornehmlich jugendlicher Wiesn-Gänger/innen. Mitnichten steht hier jedoch Authentizität im Mittelpunkt, vielmehr ihr Gegenteil. Zwar sind auf dem Markt weiterhin altbackene Traditionshäuser wie Lodenfrey aus München aktiv; neben Luxusmarken wie Dolce & Gabbana, Louis Vuitton oder Gucci, die auch Entsprechendes im Angebot haben, wird das Gros mittlerweile allerdings von Unternehmen wie H&M oder Tchibo abgesetzt, die nicht in Heimarbeit, sondern in China hergestellte Stoffe auf Synthetikbasis anbieten, das »geblümte Dirndl für Damen« bei H&M aktuell ab € 15,99 aufwärts. Joachim Kalb, Vorstandsmitglied des »Fränkischen Bunds e. V. – Verein für Franken«, den diese auf den Markt geworfenen Billigprodukte mächtig wurmen (dessen Verband freilich auch Mitglied der »Allianz gegen Rechtsextremismus« in der Metropolenregion Nürnberg ist), hat angesichts von so viel Nicht-Authentizität nur den Hinweis übrig, wer »sich traditionell kleiden wolle, solle eine fränkische Tracht anziehen«.[21]

Auch das (herbei-)zitierte Bedürfnis nach »natürlicher Zugehörigkeit« scheint im Angesicht der explodierenden Beliebigkeit von Trachtenmode eher an Ernsthaftigkeit, geschweige denn Gefährlichkeit zu verlieren. Welche Zugehörigkeit soll das sein, die jede/r kaufen kann und alle anziehen können? Eine völkisch-ausschließende oder doch eher jene zur »Partynation« Deutschland, die im Festzelt statt früher zu Blasmusik heute zu Ballermann-Hits abgeht? Wem es egal ist, dass seine Hosenträger nicht aus Hirschleder sondern aufgedruckt sind, dürfte es auch gleich sein, wer ihm/ihr beim Oktoberfest in Trachtenmode – oder Tracht – gegenübersitzt: wahlweise eine Gruppe japanische Tourist/innen, die Mitglieder eines FC Bayern-Fanclubs aus Unterfranken, portugiesische Erasmus-Student/inn/en oder wohlhabende Russ/inn/en, die sich je nach Geldbeutel mehr oder weniger authentisch einkleiden. Womöglich wird der oder die Vergnügung Suchende dabei gar von den »Schwuhplattlern« unterhalten, einem schwulen Heimatverein aus München, der Homosexualität und Schuhplattln verbindet, gemeinnützig ist und nach eigener Aussage regelmäßig für »Stadtteilfeste, Benefizveranstaltungen, Kulturevents, Hochzeiten oder Geburtstage« gebucht wird.[22] »Heimat integriert!«, möchte man Mense und Ebermann zurufen, womit auch das im Vorwort aufgestellte Postulat, Heimat dulde keine Differenz, ja wolle diese stets »auslöschen«, nicht so recht aufgeht.[23] Trachtenmode auf einschlägigen Veranstaltungen wie dem Oktoberfest in München, ist man jedenfalls geneigt zu sagen, hat den Charakter eines Faschingskostüms angenommen.

Dies alles legt nahe, dass es sich hier eher um ein popkulturelles Phänomen handelt, denn um die »verrohte« Speerspitze einer völkischen »Mobilmachung« (auch ein Begriff von Mense). Selbst wenn sich im Boom von Trachtenmode so etwas wie die Sehnsucht nach einem Mehr an Tradition ausdrücken sollte, in der jede/r seine/ihre Rolle kennt, wird dieser Wunsch offenkundig durch seine Warenförmigkeit gebrochen. Er ist nicht nur beliebig, weil austauschbar, sondern entwickelt so gut wie keine Bedeutung, weil am nächsten Morgen ohnehin wieder Alltag, sprich Anzug, Jeans, Jogginghose oder Outdoor-Kleidung auf der Tagesordnung stehen. Oder würde jemand ernsthaft behaupten, die noch vor einiger Zeit von H&M vertriebenen T-Shirts mit Sex Pistols-, The Exploited– oder Misfits-Aufdrucken hätten ihre Käufer/innen über Nacht mit ihrem Lebensstil brechen lassen oder gar zu willfährigen Adept/inn/en Michail A. Bakunins gemacht? Analog dazu mag die Modeindustrie mit dem Trend der Trachtenmode ein Bedürfnis erkannt, kreiert und popularisiert haben, das »Vierte Reich« freilich steht deshalb wohl kaum vor der Tür.

Heimat als Schwundbegriff

Doch genau dies suggeriert der Rundumschlag gegen alle, die sich der Forderung entziehen, den Heimatbegriff zu meiden: angefangen bei den Vertretern von Parteien (Seehofer, Gabriel, Göring-Eckardt, Ramelow) über Schriftsteller (Paoli, Sundermeier, Tucholsky), Journalisten (Seeßlen) und andere Kulturschaffende (Reitz) bis hin zu Wissenschaftlern aus Philosophie (Bloch, Türcke), Politikwissenschaft (Negt) oder Soziologie (Eisenberg). Doch der Abgesang, der auf der Vorentscheidung beruht, jedem der Kritisierten einzig die Verwandtschaft zum »Dritten Reich« nachzuweisen, funktioniert nur nach dem Anlegen kognitiver Scheuklappen. Er sieht immer nur, dass der Begriff benutzt wird und fragt kaum nach dem Warum? Vielleicht ermöglicht dieser Perspektivwechsel aber einen Erkenntnisfortschritt, der über das bloße »Er war’s! Sie war’s!« auf dem Weg zur intellektuellen Steinigung hinausgeht.

In historischer Perspektive ließe sich etwa mit Dan Diner konstatieren: »Heimat ist ein Schwundbegriff.«[24]Damit ist nicht nur jener (keineswegs triviale) subjektive Verlust gemeint, von dem in der Exilliteratur immer wieder berichtet wird, und den auch Jean Améry aufruft, wenn er schreibt, die »namenlosen Flüchtlinge« könnten am besten verstehen, »wie dringend der Mensch eine Heimat braucht«.[25] Ebenso wenig die durchsichtige Anbiederung eines Björn Höcke, der beklagt, »dass die Menschen ihre Heimat schwinden sehen« – und dies auf Windräder und Migration schiebt.[26] Stattdessen kann ein Blick auf historische Entwicklungen von langer Dauer helfen. Er macht etwa die »Entterritorialisierung des Heimatbegriffs«[27] nachvollziehbar, wie sie zum Beispiel im Titel eines Films des Regisseurs Thomas Heise greifbar wird, der dort die Geschichte seiner Familie in den verschiedenen politischen Regimen des 20. Jahrhunderts verfolgt: Heimat ist ein Ort aus Zeit.

Schwundbegriffe, so Diner, treten »gehäuft dann auf, wenn das, was mit [ihrer] Verwendung zur Deckung gebracht werden soll, recht eigentlich bereits in einem Zustand des Verfalls, des Vergehens, des Verschwindens begriffen ist«.[28] Als »sentimental aufgeladene Figur existenzieller Ursprünglichkeit« kam Heimat genau dann in Gebrauch, als ein beispielloser sozialer Wandels aufgrund der einsetzenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert eine vertraute Gegenwart gründlich transformierte. Nach dieser Lesart entpuppt sich Heimat als »Konstruktion der Nachträglichkeit«, weil alle anheimelnden Eigenschaften, die ihr zugesprochen werden, angesichts der Beschleunigung, mit der die Moderne Althergebrachtes verändert, im Vergehen begriffen sind. Die Zeiterfahrung, dass die »Gewissheiten einer zyklischen Wiederkehr des immer Gleichen« ob des gesellschaftlichen Umbaus mehr und mehr schwinden, nimmt dann »Ortgestalt an« und verdichtet sich im Begriff Heimat.[29]

Ebermann und Mense gehen anders vor: Sie jagen einer angeblich hoch aktuellen Entwicklung nach. Man habe sich bei der Wahl des Themas »für überaus schlau und vorausschauend« gehalten, heißt es im Vorwort zu Linke Heimatliebe. Doch habe es zu purem Staunen geführt, als Heimat nach dem Winter 2017 »neu und wieder« entdeckt wurde. »Von nun an« seien die beiden mit Material überhäuft worden, ihr Gegenstand habe sich ganz plötzlich »zum politischen Kampfbegriff« entwickelt.[30] Überall lese Ebermann »seit Monaten« von Heimat, notierte er in einem Vorabdruck im März 2019 in konkret.[31] Andererseits weiß Mense: Das Übel sei bereits zur Fußball-WM 2006 greifbar gewesen, schon 2015 hätte alle Welt über Heimat debattiert und Versuche, den Heimatbegriff zu rehabilitieren, habe es seit Mitte der 2000er Jahre gegeben.[32] Ja was denn nun? Bei der fieberhaften Suche nach dem kurzfristigsten Fall von Heimatkonjunktur verirren sich Ebermann und Mense am Ende im Zitatendschungel.

Die Versicherung, das Thema Heimat sei wirklich hochaktuell, entpuppt sich als Illusion. Eine Suchanfrage bei google books zeigt dann auch wenig Überraschendes: Sowohl für die 1990er Jahre als auch für den Zeitraum von 2001 bis 2010 finden sich weit mehr Ergebnisse als für die 2010er Jahre. Aber anstatt bloß Verwendungshäufigkeiten auszuzählen oder -beispiele anzusammeln, wäre es mit Blick auf die Schwundbegriffsthese sinnvoller, zu fragen, worauf die Anrufung von Heimat im 21. Jahrhundert verweist. Mit welchen sozialen Umwälzungsprozessen haben wir es heute zu tun, die in eine Erzählung »des Verfalls, des Vergehens, des Verschwindens« (Dan Diner) münden? Antworten darauf sucht man in Linke Heimatliebe vergebens, was umso mehr verwundert, als Thomas Ebermann in früheren Büchern durchaus noch Gesellschaftsanalyse im Programm hatte. So lieferte er mit dem inzwischen verloren gegangenen Sozius Rainer Trampert etwa im ersten Teil von Die Offenbarung der Propheten (1995) eine Untersuchung der Wiedervereinigungsökonomie ab, die allen ans Herz gelegt werden kann, die die gegenwärtigen Debatten über die Treuhand für neuartig und hochaktuell halten.[33]

Heute findet dieser diagnostische Ansatz nur noch einen schwacher Nachklang im Pochen auf »den analytischen Begriff der Weltmarktkonkurrenz«.[34] Doch der Hinweis auf die scheinbar überzeitliche Kategorie lässt jede historische Konkretisierung vermissen: Ist der globale Markt des 21. Jahrhunderts tatsächlich noch jener der »Weltwirtschaft des imperialen Zeitalters«[35] zwischen 1875 und 1914? Reicht der Hinweis auf die Weltmarktkonkurrenz wirklich aus, um die Veränderungen aufzudecken, die sich im Anschluss an die Trente Glorieuse, die Wachstumsjahre der europäischen Ökonomien von 1945 bis zum ersten Ölpreisschock 1973, ereigneten? Hier hilft der Blick in Linke Heimatliebe leider nicht weiter. Dabei häufen sich in den letzten Jahren die sozialwissenschaftlichen Befunde einer neuen »Großen Transformation«, die ökonomische Untersuchungen mit Überlegungen zur Veränderung sozialer Mentalitäten und politischer Konfliktlinien verbinden.

So hat Oliver Nachtwey darauf hingewiesen, dass die gesellschaftlichen Spannungen heute von einer »Sehnsucht nach den vermeintlich besseren Zeiten der sozialen Moderne«[36] geprägt sind, also einer verschwundenen sozialen Sicherheit nachtrauern. Denn zur Disposition stünden jene gesellschaftlichen Realitäten, die sich als Ergebnis von Wandlungen herausbildeten, die also gerade in der Konjunktur des Heimatbegriffs am Ende des 19. Jahrhunderts resultierten. Weitgehende Einigkeit herrscht ferner, dass sich die Veränderungen der »Phase des radikalen Neoliberalismus« verdanken, die in den 1980er Jahren einsetzte, mit dem Ende des Kalten Krieges eine nochmalige Dynamisierung erfuhr und von der »Beschneidung staatlicher Kernkompetenzen in der Altersvorsorge, im Gesundheits- und Bildungswesen« begleitet war.[37] Andreas Reckwitz beschreibt eindringlich den Bruch, der sich seit den 1970er/1980er Jahren vollzog: Ein »Strukturwandel von der alten industriellen Ökonomie zum Kulturkapitalismus und der Ökonomie der Singularitäten mit der creative economy als Leitbranche«, der zudem durch die digitale Revolution befeuert werde.[38] Dieser Prozess gehe mit der Ausbildung einer neuen »Drei-Klassen-Gesellschaft« einher: »einer aufsteigenden, hochqualifizierten neuen Mittelklasse von Akademikern, einer stagnierenden alten traditionellen Mittelklasse und einer absteigenden neuen Unterklasse oder prekären Klasse«.[39] Weil es gerade die traditionelle Mittelkasse war, die von den Wohlstandsgewinnen des »rheinischen Kapitalismus« in der Nachkriegszeit am meisten profitierte, verwundert es kaum, dass sie es ist, die mit dem derzeitigen sozialen Wandel ihre Sicherheiten schwinden sieht: »Die starke regionale und lokale Verwurzelung dieser Klasse bedeutet, dass soziale Kontakte in der Regel auf den Wohnort bezogen bleiben und der lokale Kontext, die ›Heimat‹, nicht selten eine Grundlage der personalen Identität darstellt.«[40] Über die Frage, inwiefern hier der Versuch des Verstehens in eine Perspektive des Verständnisses abzudriften droht, wäre gewiss zu diskutieren. Nur scheint es uns nachvollziehbar, eine solche historisch informierte Perspektive auf den sozialen Wandel zunächst einzunehmen, anstatt beim abstrakten Verweis auf die »Weltmarktkonkurrenz« zu verharren.

Wie wenig Ebermann zu derartigen Analysen beitragen kann, zeigt sich etwa mit Blick auf seine Ausführungen zum Arbeitsbegriff in der sich wandelnden Ökonomie: Zwar formuliert er mit emphatischem Bezug auf die Kritische Theorie eine eigene Flaschenpostnachricht: die Maximalutopie einer »Möglichkeit enorm reduzierter Arbeitszeit oder eine menschengerechte Art des nicht der Effizienz gehorchenden Arbeitens«.[41] Eine »menschengerechte Art« des Arbeitens hätte zwar eine feste Vorstellung der menschlichen Natur zur Voraussetzung, eine Idee, die Adorno und Horkheimer keineswegs behagte. Problematischer ist aber, dass Ebermann jegliches Gespür für das fehlt, was im Kontext der digitalen Revolution die Arbeitsverhältnisse gehörig umkrempelt hat und etwa dafür sorgt, dass »immer mehr Jobs […] an Algorithmen und Roboter«[42] gehen. Dass »der Menschheit die Arbeit ausgehe« erscheint Ebermann jedoch als eine der »verrückten Behauptungen dieser Welt«.[43] Auch wenn er an dieser Stelle darauf hinweist, dass weiterhin Menschen unter elenden Bedingungen ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, ist die Weigerung, die wegrationalisierten Jobs des 21. Jahrhunderts anzuerkennen doch ein Zeichen, dass er genau wie der »linksliberale oder wirtschaftsliberale Kosmopolitismus der neuen Mittelklasse […] der neuen Unterklasse dabei lebensweltlich wie politisch denkbar fern«[44] steht.

Zweierlei Heimat

Auch angesichts jüngerer Debatten um AfD und Rechtspopulismus, Globalisierung und Migration offenbart sich bei Ebermann und Mense manche Leerstelle. Ihre akribische Recherche von Einzelaussagen endet meist in der platten Denunzierung linker Abweichler. Diese würden mit der Verwendung des Begriffs Heimat ausnahmslos ein vermeintliches völkisches Revival fördern. Dabei entgeht ihnen, dass seit geraumer Zeit zwei grundverschiedene Heimatmodelle den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen. Einem inklusiven, offenen und zukunftsorientierten Verständnis steht ein »exklusiver und an der Vergangenheit orientierter Heimatbegriff«[45] gegenüber. Die Analyse des Konflikts zwischen beiden Herangehensweisen könnte einerseits zeigen, dass nicht alle, die den Begriff verwenden, auf ein neues 1933 zielen, und andererseits die Spannung zwischen neuen sozioökonomischen wie auch kulturellen Klassenzugehörigkeiten offenlegen.

Die oben bereits erwähnte bildungsaffine, überwiegend urbane, weltgewandte und zum Teil einkommensstärkere neue Mittelklasse versteht Heimat als etwas, das sich nicht beschränken oder festschreiben lässt, sondern als etwas frei Gewähltes, das zwar nicht beliebig, aber eben keinesfalls statisch ist. An diese Form der Heimat knüpfen sich Ideale wie Freiheit, Gleichheit, Offenheit und Diversität, ihre Protagonist/inn/en verfügen über ein »kosmopolitisches Selbstverständnis«.[46] Die grüne Spitzenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt brachte das in einer Rede im Oktober 2018 auf die Formel: »Heimat kann ich nur offen, weltzugewandt und pluralistisch denken.«[47] Es gehört viel Fantasie dazu, hierin die Schollenmetaphorik der Nazis zu erblicken. Auch Klaus Theweleit, den Mense als Gewährsmann anführt, weil er wisse, dass Heimat keine Differenz verträgt, »und wenn man diese Differenz auslöschen will, muss man die Menschen auslöschen […], die für diese Differenz sorgen«,[48] entpuppt sich als Vertreter des »Heimat-Kosmopolitismus« (Cornelia Koppetsch). Denn andernorts gibt er folgende Selbstauskunft: »Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat […]. Als Jugendlicher wurde dann englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten.«[49] Selbst Edgar Reitz, für Ebermann wegen seiner Filmreihe Heimat (1984–2006) beinahe ein Wiedergänger des NS-Regisseurs Veit Harlan,[50]schildert in einem der Filme »die Wanderung einer Gruppe junger Erwachsener, die aus der im Hunsrück gelegenen provinziellen ersten Heimat zum Studium in die urban-alternative Wahlheimat München-Schwabing aufbrechen«.[51] Die liberale, kosmopolitische und humanistische Attitüde des studierten Großstädters, der das offene Heimatmodell favorisiert, dient allerdings zugleich der Ausbildung und Aufwertung der eigenen Arbeitskraft, die sich durch interkulturelle Kompetenz und Sprachenvielfalt einen Vorteil in der Konkurrenz verschafft. Nichts aber steht diesen Leuten ferner als die Formierung ihrer Heimat zu einer ausgrenzenden Volksgemeinschaft.

Auf der anderen Seite findet sich natürlich das »Heimat-als-Schicksal-Modell«. Seine Vertreter/inn/en behaupten: »Es gibt nur eine einzige Heimat«, sie identifizieren »Migration und Flexibilität« als Formen der Fremdbestimmung und sehen sich in einem Abwehrkampf um die eigene Lebensweise. Denn am Ende drohe die »gesellschaftliche Usurpation des eigenen Lebensraumes«, wie sie etwa Michel Houellebecq in seinem Bestseller Unterwerfung (2015) beschreibt, wo die Partei der Muslim-Bruderschaft ein zukünftiges Frankreich kontrolliert. [52] Befeuert und politisch salonfähig gemacht wird diese Vorstellung von Heimat in jüngerer Vergangenheit durch die AfD, die sich interessanterweise seine Verteidigung gegen Zuwanderung wie auch liberale Eliten auf die Fahnen geschrieben hat, weil »Kosmopoliten wie Migranten […] die kulturellen Lebensformen der Moderne«[53] repräsentieren. Nur kann die Partei eben keineswegs darauf bestehen, die einzig mögliche oder gar hegemoniale Version von Heimat zu vertreten.

Beide Heimatentwürfe liegen längst im offenen Clinch, in dem »jedes der beiden Modelle für sich moralische Überlegenheit reklamiert«.[54] Unsere Vermutung lautet nun, dass ein Großteil derjenigen, die Ebermanns und Menses Buch amüsiert lesen bzw. ihre Revue beklatschen, durchaus dem »Heimat-ist-Vielfalt-Entwurf« zuneigen, sich aber nur ungern über die sozioökonomischen Hintergründe ihrer Position und ihrer Rolle in dieser Klassenauseinandersetzung Rechenschaft ablegen. Sie folgen wahrscheinlich nur zu gern Ebermanns Argumentation den Schriftsteller Guillaume Paoli betreffend. In dem Buch Die lange Nacht der Metamorphose (2017) widmet Paoli sich der oben charakterisierten »neuen Mittelklasse«. Aber Ebermann weiß sich weit entfernt von alldem: Wenn es wirklich Angehörige dieser »Spielart des sogenannten Kosmopolitismus« gebe, die »von der sozialen Ignoranz, von der Gleichgültigkeit ausgehen, wie es anderen geht«, könne es sich nur um Leute wie Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) und Christian Lindner (FDP) handeln.[55] Dem Phänomen, dass die beiden Heimatmodelle »vergleichbare Funktionen im Lebenszusammenhang ihrer Trägermilieus übernehmen«, weil es jeweils um »Exklusivität und Zugehörigkeit« geht, und das auch die Weltoffenen immer öfter »segregierte Räume bewohnen, die sie gegenüber anderen Gruppen abschließen«,[56] kann er sich auf diese Weise entziehen. Doch die »in den Alternativszenen kultivierten Werte«[57] wie Offenheit, Autonomie, Selbstverwirklichung und Kreativität übersetzen sich in soziale Ungleichheiten, die entlang der Linie Urbanität versus Peripherie verlaufen: Die Abgrenzung der kosmopolitischen Mittelschicht richtet sich nicht nach außen, sondern nach unten. Dann werden Migrant/inn/en zwar nicht angefeindet wie im Heimatmodell der Rechtspopulisten, kommen aber gleichwohl nur als »urbane ›Expats‹« oder Dienstleistungspersonal – als »Wachschützer, Verkäuferin, Paketfahrerin, Kellner oder Hilfsarbeiterin«[58] – vor. Kritik an derlei modernisierten und neoliberalen Heimatvorstellungen findet sich bei Ebermann und Mense kaum. Offenkundig greift aber die von ihnen in Buch und Revue bemühte Generalisierung »Heimat=Volksgemeinschaft« in diesem Fall zu kurz.

In der Eindeutigkeitsblase

Ambivalenzen beim Verwenden des Heimatbegriffs können und wollen Ebermann und Mense nicht erkennen. Und wo sie doch auf sie stoßen, fallen sie einfach unter den Tisch. Das soll abschließend an drei Beispielen verdeutlicht werden.

Ebermann zitiert ausführlich aus dem Buch Die Erfindung der sozialistischen Nation des Historikers Jan Palmowski, das den Untertitel Heimat und Politik im DDR-Alltag trägt. Nun ist gegen die Kritik des Mythos von der sozialistischen Heimat rein gar nichts einzuwenden. Nicht erst anlässlich des 30. Jahrestages der Maueröffnung äußert sich regelmäßig eine gar nicht mehr verschämte Ostalgie, an der gewiss nichts zu retten ist – das reicht bis in linke Gruppen hinein, wenn etwa »Aufbruch Ost« angesichts des Aufstiegs von Union Berlin frohlockt: »Endlich wieder ein Ost-Club in der 1. Liga!« (Facebookpost vom 28. Mai 2019) Ebermann und Palmowski weisen zurecht auf die krude und schwülstige Heimatlyrik wie auch die Hetze gegen den Kosmopolitismus in der DDR hin – der reale Sozialismus war keineswegs ein Refugium des Internationalismus. Doch wenn Palmowski den Heimatbezug der DDR-Bürger/innen als einen beschreibt, den diese auch dazu nutzten, »den gewaltbereiten Staat auf Distanz zu halten und ›das System zu ihrem geringsten Nachteil zu gestalten‹«, und wenn er erklärt, dass auf diese Weise Menschen »in der Lage« waren, »beträchtliche Freiräume zu gewinnen, in denen sie andere, private Ziele verfolgen konnten«,[59] muss Ebermann schnell umblättern. Und einen weiteren Aspekt darf er keinesfalls an sein Publikum weitergeben: Dass nämlich Teile der Umweltbewegung, die sich jahrelang dem Schutz der sozialistischen Heimat verschrieben hatten, Ende der 1980er gerade deshalb in Konflikt mit dem Staatsapparat der DDR gerieten und das oppositionelle Heimatschutzmilieu auf diese Weise seinen Teil zum Untergang des Arbeiter- und Bauernstaates beitrug.[60]

Für Thorsten Mense wiederum ist ein Element des aktuellen Heimathypes die geradezu gewaltige Auflage (die ca. 800.000 verkauften Exemplare stehen bei ihm für 800.000 Anhänger des nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Gedankens) der zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift Landlust, die Tipps für Garten, Küche und Wohnen gibt. Er verhohnepipelt sie als »Blumen-und-Boden-Lifestyle-Magazin« und hat mit dieser Einordnung in den deutschtümelnden Kosmos sicher die Lacher auf seiner Seite, aber nicht die angestrebte Beweiskraft. Denn wie verfänglich ist die Mitteilung des Hochglanzblattes (Ausgabe 5/2013) wirklich, dass die Kleintraktoren der Firma Max Holder »besonders in ihrer schwäbischen Heimat« in der Landwirtschaft geschätzt würden. Wie damit die völkische Transformation Deutschlands unterstützt wird, weiß wohl nur Mense selbst. Auf »authentische« Heimatjournale zu verweisen, unterließ er jedenfalls. Aber den Heimat-Rundblick, die Zeitschrift »aus der Region Hamme, Wümme, Weser« anzuführen, macht eben nicht so viel her: Mit 1.000 Exemplaren liegt dessen Auflage weit unter jener des Missy Magazins (30.000) oder der konkret(40.000).

Dass die Logik des Zitatfälschens nicht nur auf Hinzufügung (des »… ist da« bei Améry, siehe oben), sondern auch auf Auslassung beruht, zeigt Ebermanns Lektüre des Thüringen-Monitors von 2018. Weil dort 96 Prozent der Befragten angaben, ihre Heimat zu lieben, berichtet er, hier finde »empirisch-positivistische Bestätigung, was auch durch Denken zu ermitteln gewesen wäre. Mit ›Gefühlen der Heimatverbundenheit nehmen Tendenzen der Ausgrenzung und Ressentiments‹ zu.«[61] Das steht so ähnlich in der Tat dort. Verblüffend ist aber, dass die Empiriker und Positivistinnen der Universität Jena auch folgendes zutage brachten: »Die markante Zunahme der Verbundenheit mit Europa ist ein wichtiger Befund des diesjährigen THÜRINGEN-MONITORs, der zeigt, dass Heimatverbundenheit und (Lokal-)Patriotismus nicht zu einer Binnenorientierung führen müssen, sondern mit Bindungen an Europa einher gehen können.« Entgegen der in Linke Heimatliebe kolportierten Gleichung Heimat=Ausgrenzung heißt es, der Heimatverbundenheit wohne »eine selbstverstärkende sozialintegrative Kraft« inne, »die – wie wir zeigen konnten – bis auf die europäische Ebene ausstrahlt«.[62]

Nun, wahrscheinlich gilt Ebermann Europa als völkisch homogene Zone, womit die Logik seiner Argumentation wiederhergestellt wäre. Denn, diese Vermutung hat sich uns bei der Lektüre des Buches und beim Verfolgen der Anti-Heimat-Revue aufgedrängt: Wer mit solcher Akribie dem eigenen Gegenstand jede noch so kleine Ambivalenz austreibt, dem mag es am Ende gar nicht so sehr um diesen selbst gehen. Das Publikum soll nicht zu Reflexion und Hinterfragen angeregt werden. Stattdessen soll das Lachen über die Dummheit der vorgeblichen Heimattümelei die Reihen fest schließen, der Leserin und dem Zuschauer die Identifikation mit bereits Bekanntem ermöglichen. Es geht vor allem um die Fabrikation eines linken Wohlfühlraums, in dem sich das Publikum geborgen weiß und sich auf der richtigen Seite wähnen kann. Uns stellt sich dagegen die Frage, ob es wirklich noch möglich ist, in dieser Linken »heimisch« zu sein.

(Ein gekürzte Version dieses Textes erschien in der Jungle World Nr. 4/2020)


[1] https://twitter.com/jutta_ditfurth/status/925861501264711685.

[2] https://ak-gegen-antisemitismus-und-antizionismus.net (Teaser zur Veranstaltung vom 28.11.2018).

[3] In einem Blogbeitrag: http://unterpalmen.blogsport.eu/2018/08/16/rechte-linke-heimatschuetzerinnen.

[4] https://jungle.world/artikel/2017/43/heimat-der-zukunft.

[5] Thorsten Mense, Vorwort, in: Thomas Ebermann, Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung, Hamburg 2019, 7–15, hier 13.

[6] Jean Améry, Vom verlorenen Vertrauen (1971), in: Ders., Werke, Bd. 7: Aufsätze zur Politik und Zeitgeschichte, Stuttgart 2005, 531–538, hier 538.

[7] Ders., Vom Nutzen und Nachteil der Ideologie für das Leben, in: Ders., Widersprüche, Stuttgart 1971, 121–146, hier 134.

[8] Ders., Die Geburt des Menschen aus dem Geist der Violenz, in: Ebd., 147–163, hier 162 f.

[9] Ders., Neue Klischees eines Linksemotionellen, in: Ebd., 177–183, hier 178.

[10] Ders., Der Identitätsverlust der Neuen Linken, in Ebd., 184–192, hier 190.

[11] Ders., Regionalismus: Notwendigkeit, Ideologie – oder Ersatzrevolution? (1977), in: Ders., Werke, Bd. 7: Aufsätze zur Politik und Zeitgeschichte, Stuttgart 2005, 361–377, hier 364.

[12] Ders., Jenseits von Schuld und Sühne (1966), in: Ders., Werke, Bd. 2: Jenseits von Schuld und Sühne u. a., Stuttgart 2002, 7–177, hier 93, 94 und 107.

[13] Ders., Regionalismus, 377.

[14] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 82001, 607.

[15] Thomas Ebermann, Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung, Hamburg 2019, 48.

[16] Ebd., 77.

[17] Mense, Vorwort, 14; Ebermann, Linke Heimatliebe, 26.

[18] Mense, Vorwort, 8.

[19] Ebd., 10; Ebermann, Linke Heimatliebe 47.

[20] Trachtenverband: »Nachhaltige Heimat« statt Modebegriff, in: Die Welt, 5. April 2019.

[21] Phänomen »Dirndl-Boom«. Nett, sexy – aber ohne Tradition, in: Süddeutsche Zeitung, 31. August 2013.

[22] http://www.schwuhplattler.de.

[23] Mense, Vorwort, 14.

[24] Dan Diner, Vorwort, in: Desanka Schwara, Unterwegs. Reiseerfahrungen zwischen Heimat und Fremde in der Neuzeit, Göttingen 2007, 9 f., hier 9.

[25] Améry, Jenseits von Schuld und Sühne, 93.

[26] Zitiert nach: Mithu Sanyal, Zuhause, in: Fatma Aydemir/Hengameh Yaghoobifarah (Hgg.), Eure Heimat ist unser Albtraum, Berlin 2019, 101–121, hier 109.

[27] Hinrich C. Seeba, Heimweh im Exil. Anmerkungen zu einer verdrängten Sehnsucht, in Exilforschung 30 (2012), 274–288, hier 285

[28] Dan Diner, »Identität« und Zugehörigkeit. Eine historisch-semantische Rückschau auf die Gegenwart, in: Gethmann, Carl Friedrich/Graf, Friedrich Wilhelm (Hgg.), Identität – Hass – Kultur, Göttingen 2019, 56–74, hier 57.

[29] Ebd., 57 f.

[30] Mense, Vorwort, 7.

[31] Thomas Ebermann, Besetztes Gebiet, in: konkret 3/19, 24–26, hier 24.

[32] Mense, Vorwort, 10, 11 und 12.

[33] Thomas Ebermann/Rainer Trampert, Die Offenbarung der Propheten, Hamburg 1995, 11–50.

[34] Ebermann, Linke Heimatliebe, 118.

[35] Eric Hobsbawm, Das imperiale Zeitalter 1875–1914, Frankfurt a. M./New York 1989, 71.

[36] Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016, 15.

[37] Philipp Ther, Das andere Ende der Geschichte. Über die Große Transformation, Berlin 2019, 26.

[38] Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017, 14 f.

[39] Ders., Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019, 72.

[40] Ebd., 99.

[41] Ebermann, Linke Heimatliebe, 135.

[42] Philipp Blom, Was auf dem Spiel steht, München 2017, 173.

[43] Ebermann, Linke Heimatliebe, 121.

[44] Reckwitz, Das Ende der Illusionen, 107.

[45] Aladin El-Mafaalani, Der Heimatdiskurs und die paradoxen Verhältnisse zwischen Teilhabe und Diskriminierung, in: Journal für Politische Bildung 9 (2019), H. 3, 22–26, hier 25.

[46] Cornelia Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter, Bielefeld 2019, 236.

[47] Katrin Göring-Eckardt, Das Prinzip Heimat. Zugehörigkeit und Zuversicht in der offenen Gesellschaft (Rede vom 30. Oktober 2018), https://www.goering-eckardt.de/2018/11/09/das-prinzip-heimat-zugehoerigkeit-und-zuversicht-in-der-offenen-gesellschaft

[48] Mense, Vorwort, 14.

[49] Zitiert nach: Patrick Gensing, Immer nur Vergangenheit. Einspruch. Die Debatte darüber, wie der altdeutsche Begriff Heimat progressiv zu besetzen wäre, löst kein einziges Problem, in: Berliner Republik. Das Debattenmagazin 15 (2015), H. 5, 38–40, hier 40.

[50] Ebermann, Linke Heimatliebe, 35–38.

[51] Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns, 239.

[52] Ebd., 236 f.

[53] Ebd., 248.

[54] Ebd., 237.

[55] Ebermann, Linke Heimatliebe, 60 f.

[56] Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns, 238 f.

[57] Ebd., 240

[58] Ebd., 245.

[59] Jan Palmowski, Die Erfindung der sozialistischen Nation. Heimat und Politik im DDR-Alltag, Berlin 2016, 21.

[60] Ebd., 238–241.

[61] Ebermann, Linke Heimatliebe, 24.

[62] https://www.komrex.uni-jena.de/komrexmedia/Literatur/Thüringen_Monitor+2018+mit+Anhang-p-735.pdf, 45 f.